BEGINN DER JOURNALISTISCHEN KARRIERE
(Auszüge aus dem Roman „Gründer" von F. Erpenbeck)
(gekürzt)
Der beträchtliche Aufschwung, den die deutsche Presse nach dem Kriege von 1870/71 und der Reichsgründung nahm, bewog den jungen Dr. Troff, nach Berlin zu ziehen und Journalist zu werden.
Trotz äußerer Schwerfälligkeit entwickelte er erstaunlich schnell eine gewisse, heute würden wir sagen, reporterhafte Findigkeit; er hatte das, was man „eine gute Nase" nennt und den Blick für tatsächliche Zusammenhänge; sein, bei einem westfälischen Bauernsohn doppelt überraschend, leichter und angriffslustiger Stil, seine persönliche Gradlinigkeit — wenn sie ihm auch meist als Dickköpfigkeit ausgelegt wurde — und vor allem seine zähe Ausdauer sicherten ihm ziemlich früh einigen Erfolg; schon nach knapp anderthalbjähriger Berufstätigkeit gehörte er zu den ständigen Mitarbeitern des „Berliner Generalanzeigers", eines gut angesehenen, freisinnigen Blatts. Mit einer Serie von Schilderungen der Schlachtfelder, die er hier, zwei Jahre nach Beendigung des Krieges unter dem Titel „Blutgedüngter Boden" veröffentlichte, rückte er in die Reihe der namhaften hauptstädtischen Journalisten...
    Seine Freunde und Bekannten, mehr aber noch die Redakteure schüttelten damals die Köpfe, als er mit dem Vorschlag kam, man möge ihm die Reise dorthin finanzieren. Man verstand ihn einfach nicht. Einmal kannte man damals den „Sonderberichterstatter" überhaupt nur bei sensationellen Tagesanlässen wie Unwetterkatastrophen oder aufsehenerregenden Prozessen, zum anderen galt das von ihm vorgeschlagene Thema als besonders „abgeklappert", ja abstoßend —waren doch die Leser in den Jahren zuvor mit Kriegs- und Siegesgeschichten aller Art überfüttert worden.
„Man will nichts davon hören und noch weniger zum Frühstück lesen, lieber Freund. Und unsere Leser schon gar nicht. Was sag ich unsere? Nicht mal die vom ,Lokalanzeiger'!" So sagte ihm der Chefredakteur, ein kleines glatzköpfiges Männchen, das dem jungen Riesen nicht auf die Schulter klopfen konnte und deshalb einen überaus onkelhaften Ton anschlug. „Man will, grade herausgesagt, Geschäfte machen. Die paar Krachs momentan bedeuten gar nichts. Alles blüht; sehn Sie sich mal richtig um! Und es wird noch weiter blühn — lassen Sie bloß erst mal die Herren Rothosen mit dem Rest der Kontributionen herausgerückt sein; noch zwei Milliarden, lieber Freund, das ist kein Pappenstiel— nee, nee, da wollen unsere Leser mit Recht was Fröhliches, Optimistisches. Aber Schlachtfelder... brr!"
Troff machte ein finsteres Gesicht und antwortete in seiner trockenen, stets leicht brummigen Art: „Jeder Bauer muß den Boden kennen, auf dem er erntet. Ich möchte den Böden mal untersuchen, wo diese nahrhaften Kontributionen gewachsen sind."
Die Artikelserie erschien. Sie wurde ein voller Erfolg für das Blatt und noch mehr für Troff, obwohl sich viele daran stießen, daß er gelegentlich zu unangenehmen gesellschaftlichen Schlußfolgerungen kam...
Obwohl Troffs kleine Aufsätze also keineswegs einschmeichelnd waren, fanden sie einen immer größeren Leserkreis; denn sie waren, nach all den Jahren hurrapatriotischen Geschreis, überaus lebendige Darstellungen voller Tatsachenmaterial, die sich auch vorteilhaft von dem bislang in der Berliner Presse üblichen Genre der rührseligen oder geschwätzigen „Skizze" unterschieden...
    Im Spätsommer und Herbst 1880 hatte er, erst als Ferienreisender, dann gebannt von dem, was er sah, zahlreiche ostelbische Rittergüter durchstreift; und als er im Winter das Ergebnis zu veröffentlichen begann — schier unglaubliche Berichte vom Leben der polnischen Saisonarbeiter — und damit in die Interessensphäre der mächtigsten Leute Deutschlands, der Krautjunker, eingriff, erfolgte sofort der Gegenschlag: man hängte ihm einen Prozeß wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses" an. Troffs Behauptung, daß in den Baracken der Landarbeiter Männer und Frauen aller Altersstufen in einem Raum zu schlafen gezwungen würden, sei unsittlich und verleumderische Erfindung.
Das Gericht wies den angebotenen Wahrheitsbeweis als unerheblich ab und erklärte die beiden bisher erschienenen Artikel für Pornographie. Troff wurde zu 200, der verantwortliche Redakteur des „Generalanzeigers" zu  1000 Mark Geldstrafe verurteilt.
Troffs Anwalt legte Berufung ein. Neues Material wurde beschafft. In dem Artikel, den nun Troff schrieb, beschränkte er sich auf die Wiedergabe zahlreicher furchtbarer Einzelfälle, genau mit Namen, Daten und Ortsangaben belegt, aber er enthielt sich jeder Stellungnahme — so, glaubte Troff, könne er den Wahrheitsbeweis in der Berufungsverhandlung erzwingen.
  Angriffslustig, siegessicher, in der selbstverständlichen Voraussetzung, daß sein Chef ebenso wie er darauf brenne, den Feind zu schlagen und die Ehre seiner Zeitung reinzuwaschen, kam er zu ihm ins Zimmer und legte ihm den neuen Artikel vor. Der glatzköpfige Herr war entsetzt. „Ist das wirklich Ihr Ernst, Troff?..." „Sie weigern sich, diesen Artikel zu drucken?" „So unendlich leid es mir tut... Sie wissen, wie sehr ich Ihre Mitarbeit, Ihr außergewöhnliches Talent schätze, aber..."
Der Prozeß ging so aus, wie es Troff vorausgesehen hatte: er verlor ihn wieder, die Strafe wurde auf die Hälfte herabgesetzt. Er legte keine Berufung ein. Er stand jetzt der ganzen Sache müdem Ekel gegenüber... Doch einige Monate später war auch das vergessen. Seine neue Stellung in der „Voß"; die Arbeit — vor allem jetzt im Vorfrühling —füllte ihn fast ganz aus, sie machte ihm sogar unerwartet große Freude, trotz gelegentlicher Bedenken.
Seine Einkünfte waren höher als je zuvor. Zehn Aufsätze hatte er monatlich gegen Fixum zu liefern; was er darüber hinaus schrieb, wurde nach Höchstsatz honoriert. Und da er tatsächlich schreiben könnte, was er wollte — ohne es recht zu wissen, dämpfte er, dem Milieu, in dem er sich befand, entsprechend, seinen Ton und wählte er seine Stoffe — ahnte  er nicht einmal, daß er, im Grunde genommen, gekauft worden war. Er fand auch nichts dabei, daß er, denn so wurde es in allen Abteilungen der Redaktion gehalten, seine Themen jeweils zuvor mit den Fachredakteuren durchsprechen mußte.  „Oberster Grundsatz unseres Blattes", so hieß es voller Stolz vom Laufburschen bis zum Chefredakteur Geheimrat Triebner, „ist unbedingte Objektivität!" Das gefiel Troff, das imponierte ihm sogar. Und so war es ein Leichtes, ihn unmerklich von gesellschaftlich  heiklen Themen abzubringen — wenn er solche überhaupt noch vorschlug — und auf technische hinzulenken. Das fiel um so leichter, als er eifrig darauf einging; diese Thematik war bei dem Riesentempo der deutschen Industriealisierung, das seit den Gründerjahren fast ohne Unterbrechung anhielt, brennend aktuell, das „lag in der Luft".
Troff war rasch zu einem der „Unentbehrlichen " geworden. Wie nur ganz wenige verstand er es, sich schnell und zuverlässig in all das fremdartige Material einzuarbeiten: genauso tief oder oberflächlich wie es notwendig war, um einen anschaulichen, nie langweiligen „Keller" zu schreiben...
Er lief in Ateliers, Laboratorien und Fabriken herum; man führte ihm Maschinen, Apparate und Chemikalien vor; in buntem Wirbel zog eine ganz neue, zukunftverheißende Welt an ihm vorüber, über die sich wirklich zu schreiben lohnte.
  Troff, jetzt zur „großen", zur „seriösen" Presse Berlins gehörig — denn der „Generalanzeiger" rechnete zur „mittleren"— wandelte sich auch äußerlich. Ohne gerade elegant zu werden, machte er nunmehr einen solid gutbürgerlichen Eindruck. Alles Saloppe verschwand nach und nach...
  Werner Troff stürzte sich bald in eine Arbeit, die viel Fleiß, Kenntnisse und Findigkeit verlangte. Sie sollte den Titel tragen „Berlin baut" — denn Berlin baute in diesen schönen Frühlingstagen tatsächlich in einem geradezu phantastischen Tempo und Ausmaß; außer den anschaulichen Schilderungen von neuen Wohnblocks, Fabriken, Warenhäusern, Theatern und großen Gaststätten sollte Troff möglichst genaue Angaben über die Bauherren und Unternehmer — meist Aktiengesellschaften oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung aus der Gründerzeit — einflechten, damit auch der Geschäftsmann Wissenswertes und Interessantes im Feuilletonteil des Blatts finde.
Dabei geschah nun etwas, das Troff zum erstenmal wieder seit langer Zeit stutzig machte und ihn für einige Tage sehr bedenklich stimmte: mit der Begründung, das sei zu abstrakt, für den Durchschnittsleser zu schwer verständlich, strich man ihm ganze Absätze aus zwei Artikeln dieser Serie. Und zwar waren es gerade jene Stellen, in denen er einem neugegründeten Bauunternehmen, der Deutschen Bodennutz-AG, vorwarf, daß sie unsolide, dünnwandige Mietskasernen an der Landsberger Chaussee hochreißen ließ, ihr Geld aber, auf eine ganz unwahrscheinliche Konjunktur spekulierend, in sandige Grundstücke am Wannsee steckte, die ihr später niemand abnehmen werde. Die Veröffentlichung hätte natürlich die Kredite des Unternehmens gefährdet. Aber gerade das wollte Troff, denn vielfach waren es kleine, unerfahrene Leute, Handwerker und Ladeninhaber, die solche Unternehmungen mit ihren Ersparnissen finanzierten.
Zum erstenmal seit länger Zeit wurde Troff wieder der Alte: er schrie den Chefredakteur an; er drohte, seinen Vertrag zu zerreißen; er wurde bitter ironisch — aber als ihm dann mehrere Kollegen beruhigend zuredeten und auch die, die er als aufrichtig und von gutem Urteil kannte, meinten, seine finanztechnischen Ausführungen „sprengten wirklich den Rahmen dieser sonst so ausgezeichneten Skizzen", da gab er klein bei, nur noch leichten Groll im Herzen. Wer spekuliert, ob klein oder groß, muß sich der möglichen Folgen bewußt sein, tröstete er sich schließlich gegen seine bessere Überzeugung.





Последнее изменение: Среда, 24 Октябрь 2018, 17:05